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Berliner Morgenpost
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(ub) – Er ist erst seit sieben Wochen im Verein, setzt aber gleich mal ein Zeichen. „Ich habe mit dem Nationaltrainer gesprochen und abgesagt“, erzählt Nikita Rukavytsya (23) am Freitag nach den Vormittagstraining von Hertha BSC.  „Ich habe Zahnarzt-Termine in Berlin und bin noch nicht so lange bei Hertha. Mir tun ein paar Trainingseinheiten gut.“

Hallo? Ein Nationalspieler, in diesem Fall aus Australien, verzichtet auf die prestigeträchtigen Einsätze für die Farben seines Landes.  Rukavytsya ist bei  zwei Freundschaftspartien nicht dabei – Australien spielt gegen die Schweiz und Polen.

Hat der Junge die Gesetze im Profigeschäft nicht verstanden? Je mehr Länderspiele, desto höher der Marktwert. Die Gelegenheit kann man doch nicht einfach liegenlassen.

Was ist eure Meinung?

Oder ist es andersherum: Endlich einmal sagt ein Profi, der Teile der Vorbereitung verpasst hat: Ich habe Nachholbedarf. Heimtraining ist mir wichtiger als quer durch Europa zu jetten. Endlich einmal signalisiert ein Profi: Der Verein bezahlt mich. Also hat der Klub ein Anrecht darauf, dass der Spieler in bester Verfassung antritt.

Hertha hat reichlich schlechte Erfahrungen gemacht mit den Auswirkungen von Länderspiel-Reisen.

Beispiel Gilberto: Der Brasilianer  war vor Jahren nach einem Interkontinental-Flug  wenige Stunden vor Anpfiff eines Bundesliga-Spiels aus  dem Flieger geklettert. Prompt zog Gilberto sich in Mönchengladbach ohne Einwirkung eines Gegenspielers eine Verletzung zu, die ihn für Monate außer Gefecht setzte. Bei der nächsten Einladung für die Selecção saß Gilberto wieder im Flugzeug: „Es ist das Größte, für mein Land zu spielen.“

Beispiel Marko Pantelic: Ob verletzt oder nicht, Pantelic reiste zur serbischen Nationalmannschaft. Regelmäßig kehrte der Stürmer mit Übergewicht von zurück.  Über dieses Thema lasse er nicht mit sich reden. „Es ist das Größte, für mein Land zu spielen.“

Beispiel Gojko Kacar: Einem seiner Trainer platzte der Kragen: Ob bei der Nationalmannschaft nur Kaffee getrunken werde, empörte sich Friedhelm Funkel im Frühjahr, als Kacar wieder einmal außer Form von der serbischen Nationalmannschaft zurückkam. Ex-Manager Dieter Hoeneß hat Kacar das Potenzial zu einem „Weltklasse-Spieler“ bescheinigt. Doch Kacar hat in seinen zweieinhalb Jahren in Berlin alle fünf Vorbereitungen zumindestens teilweise verpasst: 2008, weil er mit Serbien bei Olympia in Peking weilte. 2009, weil er mit Serbiens U21 bei der Europameisterschaft spielte. 2010, weil er mit Serbien bei der Euro war. In den beiden Winter-Vorbereitungen war Kacar jeweils verletzt. Kacars Preis für seine vielen Reisen: In seiner Zeit bei Hertha war er nie zu 100 Prozent fit. Darüber zu Reden war mit ihm nicht. Kacar: „Es ist das Größte, für mein Land zu spielen.“

Die Fifa-Regularien sind eindeutig: Spieler, die von ihren Verbänden angefordert werden, müssen die Verein abstellen.

Wer diskutiert mit?

Wieviel Eigenverantwortung kann ein Arbeitgeber, also der Klub, von seinem Angestellten erwarten? Oder ist es in dem durchkommerzialisiertem Geschäft Profifußball nicht schön, dass es noch eine romantische Ecke für Länderspiele gibt?


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Kommentare

Mineiro
3. September 2010 um 21:40  |  169

Ich halte die Entscheidung für schlau, weil Nikita bei der WM kein Stammspieler war und Australien in Europa ohnehin nur Freundschaftsspiele auf dem Programm hatte. Wenn er dann die Zeit in Absprache mit seinem Nationaltrainer für dringende Erledigungen und Trainingseinheiten nutzt, ist das OK und für Hertha natürlich klasse, da so ein Spieler mehr die Zeit zum Trainieren und Einspielen der neuen Mannschaft nutzen kann.

Ich kann nur sagen: Respekt, Nikita!


manfred schildkröte
3. September 2010 um 22:16  |  170

schlau ist, wer australier ist. denn nur australier haben ganz viel sonne. wenig wasser, aber ganz viel sonne. deswegen ist es nicht schlau, ohne wasser durch australien zu gehen. Herr Nikita weiß das. ER kann keinem das wasser reichen, schon gar nicht über wasser gehen und er glaubt wohl auch, dass noch viel wasser die spree runterfließen wird. da hat er ja auch recht, er ist also ganz schön schlau. meine ich zumindest


Etebaer
4. September 2010 um 2:05  |  171

Das ist eine Entscheidung, die man gut abwägen muß.
Wenn es die Gesundheit, Fitness erlauben ist eine Teilnahme an Auwahlspielen bestimmt etwas, das jeden Spieler weiterbringt in seiner Entwicklung.
Im besonderen Fall Zahnproblemen kann ich aus eigener Erfahrung sagen, das man a) einen sehr guten Zahnarzt braucht und b) die Zahnbehandlung absolut Vorrang vor allem anderen hat, weil das nichterkennen/verschleppen von Problemen sehr üble Auswirkungen auf die Leistung hat und evtl. sogar dauerhaft zu einer Schwächung führen kann.
Auf jeden Fall scheint der Spieler in der Lage zu sein abzuwägen und eigene Entscheidungen zutreffen, das kann Hertha nur gut tun!


Mr. Spock
4. September 2010 um 12:34  |  172

also bei allem antrieb, sich bei hertha unersetzlich machen zu wollen – kein training der welt kann ein spiel ersetzen, schon gar nicht eines auf internationalem niveau. zumal die aussies in der schweiz gespielt haben, und nun in polen kicken. da zieht auch das argument nicht, die an- und abreise wäre zu beschwerlich. aber ruka ist ja noch jung, vielleicht lernt er es ja noch 😉


4. September 2010 um 13:31  |  173

[…] Das Blog der Berliner Morgenpost ← Hertha statt Australien: Ist Rukavytsya schlau? […]


4. September 2010 um 19:05  |  176

[…] Das Thema Sinn, Risiken und Lohn von Länderspiel-Reisen wurde bereits hier und bei Nikita Rukavytsya thematisiert. […]

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